Allein der Gedanke an Poesie treibt so manchen in die pure Verzweiflung. Jambus, Trochäus, Daktylus = Verslehre aus der Hölle. Das denken sicherlich nicht wenige, denn die (beinah schon verhasste) Gedichtinterpretation in der Deutschstunde weckt kaum positive Erinnerungen. Einige von uns haben vielleicht das eine oder andere Liebesgedicht geschrieben oder bekommen, aber sonst aus purem Vergnügen ein Gedicht lesen? Einfach so?
Das hat Seltenheitswert. Daher ist es auch nicht unbedingt verwunderlich, dass es bis zum Jahr 2015 gedauert hat, bis endlich ein Gedichtband auf der Shortlist für den Leipziger Buchpreis steht – Regentonnenvariationen. Gedichte von Jan Wagner (Hanser Berlin Verlag).

Zugegeben, auch ich habe mich mit Gedichten immer ein wenig schwer getan, was nicht zuletzt an dem Benotungssystem lag, das der kreativen Freiheit, den freien Gedankenspielen nur bedingt Raum gab. Im Literaturstudium bin ich mit der Interpretation von Gedichten quasi eins geworden und konnte Metaphern & Co. im Schlaf definieren. Als sich dieses Wissen auch auf meine Magisterarbeit über Freundschaft und William Shakespeare anwenden ließ, machte es plötzlich Sinn. Alles. Jambus. Anapher. Stichomythie.

Das pralle LebenAls ich nun letzte Woche in meiner Lieblingsbuchhandlung war, ist mir der Gedichtband von Amelie Fechner begegnet: Das pralle Leben. Alltagsgedichte. Es dauerte nur wenige Augenblicke und ich war im Bann der Zeilen. Allein die Kapitelstruktur zeigt, dass dieses Buch ungewöhnlich ist – „Du und ich“, „Ihr und wir“ und „Ich und ich“.

Die Gedichte von Amelie Fechner befassen sich mit den unterschiedlichsten Themen des Alltags – u.a. Liebe, Freundinnen, Pubertät. Die sprachliche Komposition ist dabei alles andere als alltäglich. Der Sprachrhythmus, die Wortwahl, hier merkt man gleich, dass eine Kennerin am Werk ist. Rührend, aber nicht kitschig, aktuell, und doch zeitlos. Die Gedichte wurden aus dem Leben gegriffen und in einen gekonnten Rahmen gegossen.

Bei ihrem Gedicht „Schwestern“ musste ich unwillkürlich an meine eigene, großartige Schwester denken. Die von Amelie Fechner gewählten Worte treffen ins Schwarze – und das sicherlich nicht nur bei mir:

Schwestern

„(…)

Du findest in ihr

manch ein Puzzlestück

zu Dir selbst

(…)“

– Seite 31 – 

Was soll ich sagen, ihr müsst ihre Gedichte einfach lesen. Hier liest sie für euch Abstandhalter, neben „Schwestern“ eines meiner Lieblingsgedichte, weil es so schön ins Leben passt:

 

Zuhören, staunen, lesen. Am 21. März 2015 ist der Indiebookday, und dieser kleine, feine Gedichtband ist eine tolle Möglichkeit, unabhängige/kleine/Indie-Verlage zu unterstützen. Das Buch eignet sich übrigens auch perfekt als Geschenk, denn, wer bitte bräuchte nicht ab und an mal einen Abstandhalter?!

>>Amelie Fechner, Das pralle Leben. Alltagsgedichte, Ellert & Richter Verlag, 2014, ISBN: 978-3-8319-0574-4.<<

Quellen:
Foto: Ellert & Richter Verlag
Audio: Amelie Fechner liest Abstandhalter aus „Das pralle Leben. Alltagsgedichte“, erschienen beim Ellert & Richter Verlag, 2014.

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